Vorhang auf für: Woyzeck - Georg Büchner

Georg Büchner in einem Brief an seine Eltern über den ethischen Grundgedanken des Woyzeck:
"Ich verachte niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden - weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden und weil die Umstände außer uns liegen."
Der Soldat Woyzeck bessert seinen kärglichen Sold auf, indem er tägliche seinen Hauptmann rasiert und sich außerdem von einem Doktor zu zweifelhaften, medizinischen Experimenten heranziehen lässt. Dieses Geld braucht er, um seine Geliebte Marie und ihrer beide uneheliches Kind zu ernähren. Als ein gut aussehender Tambourmajor Marie nachstellt, ergibt sich diese den ungewohnten Schmeicheleien. Woyzeck jedoch erfährt von diesem Verhältnis und stellt Marie zur Rede. Diese gibt zwar zu, untreu gewesen zu sein, will ihr Verhältnis aber nicht beenden. Als Woyzeck dann auch noch vom Tambourmajor verprügelt wird, weil dieser körperlich stärker ist, weiß er sich nicht mehr anders zu helfen. Er ersicht in blindwütiger Eifersucht seine Marie und am Ende auch sich selbst.

Woyzeck ist kein fertiges Drama, es ist nur ein Fragment, dass posthum veröffentlicht wurde. Insofern ist die Handlung an sich, in ihrer zeitlichen Abfolge verschieden interpretierbar. So kann man die einzelnen Szenen verschieben und neu zusammensetzten. Ein immer geltende Reihenfolge gibt es nicht, doch sind durch verschiedene Fassungen, bestimmte Reihenfolgen festgemacht.
Georg Büchner hat mit diesem Sozialdrama eine für diese Zeit recht ungewöhnlich und anfangs verpönte Hauptperson genommen: einen Vertreter der untersten sozialen Schicht. Außerdem hat er für sein Stück eine historische Quelle, nämlich einen Prozessbericht, der besagt, dass 1824 in Leipzig ein Johann Christian Woyzeck hingerichtet wurde, der aus Eifersucht eine Frau erstochen hat. Er war Barbier von Beruf und hat während seiner Soldatenzeit ein Mädchen mit einem unehelichen Kind sitzengelassen. Es gibt einige Hinweise darauf, dass Büchner diesen Prozessbericht maßgeblich als Grundlage seines Stückes genommen hat.
Mit seinem Werk will Büchner die in der damaligen Zeit sehr verbreitete Theorie belegen, nachder ein Mensch durch seine eigene Haltlosigkeit, seine Unrast und seine eigene Unzulänglichkeit zu einem Mörder wird. Büchner jedoch macht die sozialen Verhältnisse dafür verantwortlich, wie es obiges Zitat belegt.

"Es muss was schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl."
- Woyzeck

Büchner thematisiert in seinem Stück einen Mord aus Eifersucht. Zwar liebt Woyzeck seine Marie hingebungsvoll, doch kann er dies nicht so richtig zeigen. Er ist wortkarg und außerdem geistig verwirrt. Er hört Stimmen und fühlt sich einer ungreifbaren Bedrohung durch seine Umwelt ausgesetzt. Doch kann er dies Marie nicht erklären, da seine Ausrufe sie in Angst versetzten und sie sich sowieso lieber der genussvolleren Seite des Lebens zuwende würde, ohne so viel darüber nachzudenken. Das ist auch sogleich das zweite Thema des "Woyzeck", die Sprachlosigkeit. Doch ist hier nicht die Sprachlosigkeit in dem Sinne von stumm zu sehen, sondern die, bei welcher sich die Personen untereinander nicht über ihre Gefühle und Probleme austauschen. Sie reden einandern vorbei und fühlen sich dadurch gesellschaftlich isoliert und alleine. Woyzeck kann sich niemanden erklären, Andres, sein Kumpel versteht ihn nicht und kann ihm deshalb auch nicht helfen über die Untreue Maries hinwegzukommen.
Gleichzeitig ist Marie Woyzecks einziger Halt in einer Welt, in der er sich von allen Seiten bedroht fühlt und von jederman unterdrückt und missbraucht wird. Sie ist das einzige was er hat, deshalb ist der Mord an ihr für ihn auch kein befreiender Tag, kein Triumph der Rache oder Genugtuung. Durch den Mord an Marie begeht Woyzeck gleichzeitig auch einen sozialen Selbstmord, da er nun ganz alleine und einsam ist.

"Moral ist, wenn man moralisch ist."
- Hauptmann

Woyzeck wurde 1913 in München uraufgeführt.
Bekannteste Verfilmung ist Werner Herzogs Woyzeck, 1979, mit Klaus Kinski als Woyzeck.

Szene aus der Verfilmung mit Klaus Kinski
Vorhang auf für: Georg Büchner

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen