Briefe an Julia

Einen Menschen zu verlieren ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Es ist nicht nur die Tatsache, dass dieser Mensch nicht mehr da ist. Es ist der ganze Schmerz, der mit dem Weggang dieses Menschen einhergeht. Der Schmerz, der einen noch Jahre danach verfolgt. Der Schmerz, der nie wieder weggeht. Der ein großer Teil des eigenen Lebens wird. Und es ist noch nicht mal wichtig, warum oder wie dieser Mensch wegging. Jeder Abschied ist auf seine eigene Art schmerzhaft und für jeden Menschen ist es ein eigener Schmerz. Jeder Mensch geht damit anders um und trotzdem bleibt dieser Schmerz, egal wie man damit umgeht und mit welcher Methode man versucht, darüber hinwegzukommen. Es ist auch nicht wichtig, wie viel Zeit man mit diesem Menschen verbracht hat oder wie intensiv diese Beziehung war. Es ist auch nicht wichtig, ob es ein entfernter Bekannter oder ein enger Verwandter war. Das einzig Wichtige ist, dass dieser Menschen einem selbst viel bedeutet hat. Und das man mit ihm etwas erlebt hat, was sich festgesetzt hat. Im Gedächtnis, in der Seele, im Herzen. Und das am Ende der Abschied weh tat. Egal, ob dieser Mensch einfach nur fort geht oder stirbt, egal, ob man ihn irgendwann wiedersieht oder ein Wiedersehen für immer ausgeschlossen ist. Das Einzige was zählt, ist der Schmerz, der für immer da bleibt. Er brennt sich tief ein und währt für immer. Es wird immer Situationen geben, in denen man an diesen Schmerz erinnert wird. Und man wird sich immer diese eine Frage stellen. Warum? Doch man wird darauf keine Antwort finden, weil es darauf keine Antwort gibt.

Es gibt viele Menschen, und vor allem Jugendliche, die denken, diesen Schmerz zu kennen. Weil ihre "große Liebe" sie verlassen oder nie erhört hat. Aber das ist es nicht. Das sind Nichtigkeiten im Vergleich zu dem Gefühl, wenn wirklich wichtige Menschen einen verlassen. Und ganz zu Schweigen, von dem Gefühl, wenn ein wichtiger Mensch stirbt. Es macht mich immer wütend und traurig zugleich, wenn ich sehe, wie diese "Tragödien" hochgepuscht werden und diese Jugendlichen sich und ihre Gefühle aufspielen. Vielleicht ist es in diesem Moment wirklich schrecklich, aber das geht schnell wieder vorbei. Viel schneller, als der echte Schmerz, der einen ein Leben lang begleitet. Auf der anderen Seite können diese Jugendlichen froh sein, denn solange sie so über diese "Kleinigkeiten" schreiben, solange haben sie auch noch keinen richtigen Schmerz, in Bezug auf den Weggang von Menschen, erlebt. Und das ist ein Glück, für das man sehr dankbar sein sollte.

Denn dieses Gefühl des Verlassenwerdens, der Einsamkeit, des Alleinseins wirkt sich auf alle Lebenslagen aus. Die Menschen gehen unterschiedlich damit um, aber nur wenige schaffen es wirklich, diese Gefühle zu besiegen und sie nicht die Macht über das Denken und Handeln ergreifen zu lassen. Viele gestehen es sich nicht ein, aber diese Gefühle können zu einem großen Problem werden. Und irgendwann glaubt man dann nicht mehr daran, dass es irgendwo auf dieser Welt jemanden gibt, der einen helfen kann, über diese Gefühle, über diesen Schmerz hinwegzukommen. Und damit meine ich keinen Therapeuten. Die können vielleicht psychisch ein wenig Hilfe leisten, aber sie werden nie richtig bis tief in die Seele, bis tief in das Herz des Patienten treffen können. Dafür braucht man einen Menschen, der freiwillig und nicht, weil er sein Geld damit verdient, versucht einem zu helfen. Dieser Mensch nimmt eine große Bürde auf sich und es wird ein langer und steiniger Weg sein, den man gehen muss, um so jemanden zu helfen. Aber wenn man diese Last wirklich auf sich nicht, und diesem Menschen hilft, dann hat man am Ende jemanden gewonnen, der dem Helfer auf Ewig dankbar ist. Und man hat einen Menschen geholfen und vielleicht sogar geheilt. Daraus erwächst meistens eine Liebe, die stärker, als andere Gefühle ist und die Jahre überdauert. Aber die wenigsten finden so einen Partner. Man muss versuchen nicht in diesen Pessimismus abzurutschen, der einen mit federleichten Flügeln in die Arme nimmt und leise Beschwörungsformeln ins Ohr säuselt. Man sollte sich dem Optimismus hingeben und versuchen froh in die Zukunft zu blicken, damit man, irgendwo hier auf der Welt, seinen Partner findet, und mit ihm eine Brücke baut, um den Schmerz zu besiegen. Besiegen im Sinne von Wegschließen. Nicht vergessen oder unterdrücken. Man muss sich ab und zu an diesen Schmerz erinnern und sich mit ihm auseinandersetzen, aber dann auch wieder zu den schönen Seiten des Lebens zurückkehren. Dann, wenn man das geschafft hat, mit dem Schmerz leben zu können, ohne verbittert zu werden, dann ist dieser Schmerz sogar ein Gewinn.

2 Kommentare:

  1. Du wiedersprichst dir selbst & ich habe zum ersten Mal mitten drin aufgehört einen deiner Einträge zu lesen. :(

    Der erste & zweite Absatz sind so widersprüchlich - es ist traurig. Dabei hat mir der Anfang wirklich, wirklich gut gefallen, denn es ist richtig, was du da sagst.

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  2. Ich glaube, ich weiß, worauf du hinaus willst. In dieser Hinsicht habe ich mir beim Schreiben schon ein paar Gedanken gemacht, weil ich wahrscheinlich das was ich eigentlich meine, nicht gut genug ausgedrückt habe, und ich es schwer fand, passende Formulierungen zu finden. Aber könntest du mir vielleicht trotzdem kurz erläutern, in wie fern du meinst, dass ich mir widerspreche? Nicht, dass ich etwas ganz anderes meine, als du.

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