Sie saß auf einer Bank, um nachzudenken, so wie schon seit einem halben Jahr, jeden Tag, am gleichen Ort, zur gleichen Zeit. Es beruhigte sie, diese Routine. Früher.. ja früher war das anders. Das und wohl auch ihr ganzer Charakter, alles hatte sich verändert.

Heute aber war etwas anders. Es kam eigentlich nie jemand vorbei, und wenn, dann lief er weiter und beachtete sie nicht wirklich. Doch heute setzte sich jemand neben sie. Ein alter Mann, so wie man ihn sich immer vorstellt in den Geschichten. Mit langem grauen Bart und gutmütigen, weise blickenden Augen. Er lächelte sie an. Sonst nichts.

Sie wusste nicht warum, aber plötzlich überkam sie das Gefühl ihm alles erzählen zu müssen. Von Anfang an. Und das tat sie auch. Sie ließ nichts aus. Jedes noch so kleine Detail, dass sie beschäftigte, streute sie vor ihm aus. Jedes einzelne nur ein Sandkorn aus ihrem Strand aus Sorgen. Sie spuckte es vor ihm auf den Boden und aus ein paar kleinen Sandkörnern wurde ein großer Haufen. Und aus dem großen Haufen wurde ein noch größerer Haufen und bald hatte sie alle Körner ausgespuckt und sie lagen vor den beiden auf dem Boden.

In dieser Geschichte kam viel vor. Von ihrer Kindheit, in der die größte Sorge, das Aufräumen, des immer chaotischen Spielzimmers war. Der Tag, an dem sich alles veränderte, an dem ihre Mutter starb. Die Tränen, der Schmerz, die Messer im Herzen. Die Umstellung, der neue Wohnort. Wie sie sich zurückgezogen hatte, ihre Zeit als selbstauferlegte Außenseiterin. Wie sie mit viel Mühe Freunde gewann und irgendwann auch viel Spaß mit ihnen hatte. Wie sie das erste Mal nach vielen Jahren wieder jemanden an ihr Herz ließ. Und wie es wieder entzwei gebrochen wurde. Die Tränen, der Schmerz, die Messer im Herzen. 
Wie sie sich aufrappelte und weiter durch das Leben ging. Weiter nach einem Sinn suchte und hoffte. Das war das einzige was sie tat. Sie hoffte. Und träumte von einem besseren Leben.
Wie sich mit der Zeit Erfolge einspielten. Im Sport, in der Schule, mit den Freunden. Wie sich ihr Traum immer weiter verfestigte.
Und zwischendurch die hoffnungslosen Versuche jemanden zu finden, der sie versteht. Der mit ihr fühlen konnte und mit ihr sein Leben teilen wollte. Den sie lieben durfte. Der sie liebte. Und immer wieder kamen die Tränen, der Schmerz, die Messer im Herzen. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Aber sie rappelte sich immer wieder auf. Sie kämpfte, blieb nie stehen, sie hatte ein Ziel vor Augen.
Ihren Traum wahr zu machen, für sie. Für ihre Mutter, die vor Jahren gestorben ist. Sie sollte nicht umsonst gestorben sein. Sie sollte stolz auf sie sein.
Also kämpfte sie. Machte sich hart, hart und kalt. Gefühllos pumpte ihr Herz Blut durch ihre Adern. Nichts berührte sie mehr, außer die Erfolge, die sie ihrem Traum näher brachten. Und auch da konnte sie nur noch kalt lächeln. Kalt, kalt wie Eis.

Und jetzt saß sie jeden Tag hier auf der Bank und dachte nach. Über ihr Leben, über sich, über das Schicksal und wie es weitergehen sollte. Und darüber, dass sie alle Tränen verbraucht hatte. Dass keine mehr übrig waren, dass sie leer war. Leer und erschöpft. Und die Müdigkeit überkam sie. Sie war es satt, das Leben.

All das sagte sie ihm, diesen gutmütigen, weisen alten Mann. Und er lächelte sie an. Seine Augen strahlten so viel Wärme und Liebe aus, dass sie irgendwann begriff.

"Sie konnte noch so oft vom Schicksal umgeworfen werden, sie würde sich immer und immer wieder aufrappeln. Sie würde kämpfen, aber sie musste auch ihre Gefühle zulassen. Sie würden wiederkommen, genauso wie all die Tränen, die sie verloren hatte. Denn sie hatte einen Traum, und sie wusste, sie würde alles machen, damit dieser Traum in Erfüllung geht. Und irgendwann würde sie in den Himmel kommen und in diese gutmütigen, weisen alten Augen schauen und wissen: Jetzt ist alles gut."

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