Da gibt es diesen Mann. Eigentlich sollte ich ihn Vater nennen, aber das habe ich noch nie getan. Ich weiß nicht warum, damals war ich noch zu klein, um einen wirklichen Grund dafür zu finden. Aber ich habe ihn schon immer mit seinem Vornamen angeredet. Selbst als meine Mama noch lebte. Wenn ich so darüber nachdenke, muss es ihn sehr verletzten, dass ich es selbst jetzt noch nicht tue. Aber glaubt mir, ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich es tun soll. Aber es geht nicht. Dieses Wort kommt nicht aus meinem Mund. Er versperrt sich. Und ich glaube, ich würde ihn selbst dann nicht so nennen, wenn es sein letzter Tag wäre.
Ich hasse ihn nicht. Das wäre ein zu leidenschaftliches Gefühl. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mein "Vater" sein soll. Selbst ihn mir als meinen Erzeuger vorzustellen, überschreitet meine Phantasie. Ich weiß nicht, was an ihm so schlimm ist. Er hat schließlich ziemlich viel getan, dass ich ihm gewogen bin. Früher gab's die großen Geschenke zu Weihnachten und Geburtstag, und er und seine Frau fuhren mit mir in den teuren Urlaub. Club Aldiana und solche Sachen. Ja, die Betonung liegt auf "früher". Heutzutage vergisst man dann eben schnell den Geburtstag seiner Tochter.
Ja, all die Sachen, die mich gegen ihn aufgebracht haben. Die er sich geleistet hat. Weshalb ich diesen Mann, nicht als meinen Vater ansehen kann. Es gab mal eine Zeit, da hätte ich ihm eine Chance gegeben. Aber diese Zeit ist vorüber.
Es sind nicht nur die letzten zwei Mal, bei denen er meinen Geburtstag vergessen hat. Auch nicht die Tatsache, dass er mich in den sieben Jahren in Fürth, gerade mal vier mal besucht hat. Es sind die kleinen Dinge, die man unter normalen Umständen, übersehen kann. Er hat meiner Mutter Hoffnungen gemacht. Falsche Hoffnungen. Ich weiß nicht genau, wie die Geschichte der beiden damals ausgesehen hat. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Aber ich habe einen Brief gefunden, aus dem man das heraus lesen konnte. Das hat mir gereicht.
Oder die Tatsache, dass er immer mir die Schuld daran gibt, wenn seine Frau, bei der irgendwas falsch gelaufen sein muss, dauernd in Tränen ausbricht.
Oder, dass er hinter meinem Rücken, sogar hinter Oma's Rücken, meinen Wohnsitz ummeldet. Um Steuern zu sparen. Ist das jetzt der neue Trend? Der moderne Vater: "Ich mach mal schnell ein Kind, damit ich die nächsten Jahre Steuern sparen kann".
Als ich das erfahren habe, ist bei mir alles durchgegangen. Und er wusste genau, warum er das nicht mir, sondern meiner Oma gesagt hat. Ich wäre ihm an den Hals gegangen, hätte er vor mir gestanden. Okay, unter normalen Umständen und hätte er das mit mir und Oma besprochen, hätte ich dem ja sogar zugestimmt. Aber die Dreistigkeit zu besitzten, dass hinter unserem Rücken zu machen und am Ende noch zu versuchen, es zu verschleiern - da hat es bei mir ausgesetzt.
Aber naja, etwas Gutes hat das ganze ja. Ich habe immer etwas gegen ihn in der Hand. Schließlich habe ich Beweise, dass ich jahrelang bei meiner Oma gewohnt habe - und er den lieben Vater Staat betrogen hat.
Nicht, dass ich jemals dieses Wissen gegen ihn einsetzten würde. Schließlich können schon die kleinen Andeutungen großes Bewirken..
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